4. / 5. März 2016 auf der Lenzerheide

Kaminfeuergespräche in heimeliger Chaletumgebung mit einem regionalen Rotwein im Glas, in lockerer Stimmung und leutseligem Umgang der überschaubar geladenen Gästen, Freundschaftspflege, neuen Bekanntschaften beim Abendessen, offene und hitzige Diskussionen über die Positionierung der HSG, über Bildungspolitik oder Finanzierung der Ausbildung und der Universitäten – dies zu mitternächtlicher Stunde an der Bar, fast ein regredieren in die Studienzeiten – setzen jeweils emotionale Änkerlein und vermitteln gute Gefühle.

 

Der direkte und unverblümte Fragesteller war Gerhard („Gerry“) Schwarz (G.S.) - bis Ende Oktober 2010 stellvertretender Chefredaktor der NZZ und anschliessend bis Ende März 2016 als Nachfolger von Thomas Held Direktor der Denkfabrik Avenir Suisse. Sein Fragespektrum konfrontierte den Gesprächspartner mit seiner Herkunft, Familie, Biographie, seinem beruflichen Werdegang, seinen persönlichen Präferenzen und mit allen bekannten Pressemeldungen, die dessen oft polarisierenden Äusserungen bewirkt hatten.

 

Der Antwortende war Josef („Joe“) Ackermann (J.A) mit über 500 000 Ergebnissen beim „Googlen“. Trotzdem durfte ich in dieser vertrauten Atmosphäre einige – nicht in der Presse kolportierten – private Erläuterungen (sog. Internas) und Begebenheiten mitnehmen.

 

J.A. verliess die familiäre medizinische Tradition und wollte vielmehr die politischen Entscheidungen und wirtschaftlichen Zusammenhänge verstehen, weshalb er Wirtschaft und Politik an der HSG studierte. Er ist heute überzeugt, dass derjenige in einer Finanzkrise schlechter entscheidet, der sich auf die Modelltheorien der Finanzwirtschaft verlässt, als jener, der die volkswirtschaftlichen Zusammenhänge versteht.

 

G.S.: Wie geht man mit dieser dauernden (oft extremen) öffentlichen Kritik um?
Z.B: Einerseits Rekordergebnis und andrerseits gleichzeitig Stellenabbau! J.A. gab differenzierte Antworten, z.B. dass er eigentlich zwei verschiedene Hüte trage, nämlich einmal als Person, die man kennt; aber auch als Symbolfigur für etwas (z.B. Geldwirtschaft, Kapitalismus etc…). Vielleicht war auch der Tipp eines italienischen Politikers hilfreich: Wenig Presseartikel lesen – wenig Ärger (oder nur positive Artikel lesen)!

 

G.S. stellte u.a. Fragen zum Bruch mit der CS, zur Zeit seiner Tätigkeit bei der Deutschen Bank, über das Victory-Zeichen beim Mannesmann – Prozess, über die Episode bei der Zürich – Versicherung, über Treffen mit den weltweit einflussreichsten Politiker und Experten, zum Kirchprozess, Entlöhnungsfragen oder zu den aktuellen Aufgaben bei der Bank of Cyprus. Was bedeutet Ackermänner? Einschätzung der heutigen Lage aus Sicht verschiedener Ländern und Regionen? Unterschiede CH – D? Zukunft der EU, des Euro oder der CH im Jahre 2025!

 

G.S. letzte Frage: Welche Persönlichkeit hat Dich am meisten beeindruckt? J.A. (blitzartig): Einer der obersten Staatsmänner von China begrüsste mich mit einem Faust Zitat auf Deutsch und verabschiedete sich mit einem Shakespeare Zitat auf Englisch.

 

Beim währschaften Abendessen mit weiteren Fragen an J.A. und lebhaften Gesprächen durften natürlich die legendären Alphorntöne von Hanspeter Danuser nicht fehlen. Ab Samstagmorgen waren alle Transportlifte und – bahnen wegen einer Sturmwarnung stillgelegt. Das Wochenende kostete die Lenzerheide über 2 Millionen sfr. wegen Schlechtwetter-Absagen von Gästen!

 

Auf der Heimreise kamen mir verschiedene Gedanken hoch, z.B.:

  • Warum nehmen unsere Politiker meistens parteiinterne Experten für Sachfragen statt welterprobte Unternehmer, Manager oder Experten? Aus Selbstschutz? Selbstüberschätzung? Beratungsresistenz? Parteiideologie?
  • Werden die globalen Experten einmal angehört, bleiben Konsequenzen in der Regel aus. Alibiübung? Killerphrasen als Antwort? Strukturprobleme (z.B. Kollegialitätsprinzip)? Blockieren unser Demokratiesystem oder die Vernehmlassungen ab? (J.A. hat sich auch eingebracht in die schweizerische Finanzplatzreform (praktisch erfolglos), gab Argumente und Botschaften fürs Inland ab oder äusserte sich konkret bezüglich der Schuldenkrise der europäischen Länder (z.B. Direktberatung von Frau Merkel).
  • J.As weltweite Beratertätigkeiten auf Anfrage hinterliessen bei mir einen tiefen Eindruck. Auch seine klaren und verständlichen Erläuterungen zu volkswirtschaftlichen Phänomenen oder Besonderheiten werde ich nicht vergessen.
  • In ganz verschiedenen Bereichen habe ich mehr Wissen und systematischen Einblick erhalten. Dies erlaubt eine differenziertere Haltung einzunehmen und neue Vernetztheiten zu erkennen.

Hanspeter Danuser mit seinem legendären Alphorn

Gerry Schwarz fühlt Joe Ackermann auf den Zahn