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Die Willkür in der Hormonverunsicherung

AUF DER SUCHE NACH DEM GESUNDEN MENSCHENVERSTAND

Willkür beinhaltet eine gewisse Beliebigkeit. Wird diese Beliebigkeit nicht erkannt, kann dies zu unglaublichen Verzerrungen führen. Es entsteht der Eindruck, dass der gesunde Menschenverstand abhandengekommen ist.
Ein Beispiel: In den 70er-Jahren kam es zum bekannten „Pillenknick“ im süddeutschen Raum, es wurden deutlich weniger Kinder geboren. Gleichzeitig stellten Ornithologen fest, dass es im selben Raum weniger Storchenneste gibt. In der graphischen Darstellung verliefen die beiden Kurven praktisch parallel. Wenn deshalb geschlossen wird, dass der Storch die Kinder bringt – dann ist eben auch hier der gesunde Menschenverstand verloren gegangen.

MANGELERSCHEINUNGEN KÖNNEN KORRIGIERT WERDEN

Gehen Sie einmal davon aus, dass die Evolution der Natur über die Milliardenjahre sinnvoll abgelaufen ist. Der Mensch hat deshalb keine Vitamindrüsen, weil er die lebenswichtigen Vitamine mit der Nahrung aufnimmt. Hingegen bildet der Mensch in verschiedenen Hormondrüsen seine für das Leben notwendigen Hormone selber, weil er diese Stoffe nicht von aussen in genügender Form mit der Nahrung aufnehmen kann. Fehlt nun im menschlichen Körper das Vitamin C (oder ist es nur ungenügend vorhanden), so entsteht eine definierte Mangelerscheinung oder ein Krankheitsbild, nämlich Skorbut. Kommt es im menschlichen Körper zu einer Unterfunktion irgendeiner Hormondrüse, so entsteht ein definiertes Mangelsyndrom oder eine Erkrankung aufgrund des Hormonmangels. Sowohl der Vitamin- als auch der Hormonmangel werden korrigiert, indem die fehlende Menge des entsprechenden Stoffes teilweise oder vollständig von aussen zugeführt wird. Dies führt nicht zu einer Überfunktion oder Übersteuerung.

DIE ZUNAHME DER LEBENSERWARTUNG ERZEUGT NEUE PROBLEME

Die Menschen werden heute – gewollt oder ungewollt – praktisch in allen Ländern älter. Wenn wir schon älter werden und oft auch früher aus dem Arbeitsprozess ausscheiden, dann liegt es auf der Hand, dass alle möglichst gesund ihr Alter erleben möchten. Das Ziel muss sein, gesünder zu sterben. Dazu helfen alle bekannten Massnahmen des „gesunden Lebens“, aber auch die Ausgewogenheit unserer Hormone. Leider beginnen die ersten Hormone schon kurz nach Abschluss unseres Wachstums zu sinken, z.B. das Wachstumshormon oder das DHEA (Dehydroepiandrosteron). Da wir in den Industrienationen noch vor wenigen Jahrzehnten im Durchschnitt mit 60 Jahren gestorben sind, haben uns früher viele Hormonmangelsyndrome nicht oder kaum betroffen (z.B. die Osteoporose).

EINE HORMONERSATZTHERAPIE BENÖTIGT EINE WISSENSCHAFTLICHE BEGRÜNDUNG

Die bisher dargelegten Gedanken sind evident, einleuchtend oder nachvollziehbar, es braucht keine hoch wissenschaftliche Diskussion dazu. Eine medizinische Behandlung eines Menschen braucht aber eine wissenschaftliche und empirische Begründung. Hier ist auch die Hormonersatztherapie gefordert. Hier beginnt auch die Willkür. Hier beginnt auch die Beliebigkeit. Hier beginnt auch die Verunsicherung. Hier verstecken sich auch Interessen hinter den Positionen. Hier beginnt auch die Ideologie.

ÖSTROGENSUBSTITUTION, KNOCHENDICHTE, FRAKTURRISIKO UND - DER GESUNDE MENSCHENVERSTAND

Ein Beispiel: Es wird bemängelt, dass es keine doppelblind, prospektiv randomisierten Studien gibt, die den präventiven Nutzen einer Östrogenbehandlung betreffend die Reduzierung von Knochenbrüchen im Alter aufzeige. Die Östrogengabe ist deshalb kritisch zu hinterfragen oder gar abzulehnen. Dokumentiert sind hingegen zwei Fakten: 1. Die Östrogene haben einen günstigen Einfluss auf die Knochendichte. 2. Je dichter der Knochen, umso seltener sind Knochenbrüche. Müssen wir wieder von vorne beginnen mit dem oben erwähnten Studiendesign über 5, 10 oder 20 Jahre? Wer bezahlt eine solche Studie? Gibt es überhaupt eine Bewilligung von ethischen Kommissionen für eine solche Untersuchung? Oder darf man sich auf den gesunden Menschenverstand stützen, dass es sinnvoll ist, bei erhöhtem Risiko von Osteoporose eine Hormonsubstitution präventiv durchzuführen? Wie sind die Kosten/Nutzen-Überlegungen, wenn bei einer manifesten Osteoporose die neuen, teuren und knochenaufbauenden Substanzen eingesetzt werden? Nebenbei bemerkt ist die Osteoporose wegen der zunehmenden Überalterung der Bevölkerung ein Spitzenkostentreiber im Gesundheitswesen.

SCHLAGZEILEN ZUM BRUSTKREBSRISIKO KÖNNEN VERSCHIEDEN INTERPRETIERT WERDEN

Ein letztes Beispiel: Über Östrogene und Brustkrebs können Sie heutzutage in den Medien alles Hören und Lesen. Viele der Schlagzeilen sind publikumswirksam, nicht korrekt, aber auch nicht ganz falsch. Die Schlagzeilen lassen verschiedene Verhaltensweisen aufkommen, nicht zuletzt, weil wir unterschiedliche Erfahrungen in unserem Leben mit Gesundheitsproblemen, unterschiedliches Wissen und einen individuellen Stoffwechsel aufweisen. Jeder kann sich herauspicken, was ihm gerade beliebt. Bekanntlich sagen statistische Aussagen nichts über den einzelnen Menschen aus. Verschiedene Verhaltensweisen aber beinhalten Gleichgültigkeit, Verunsicherung, Besserwisserei, Verängstigung, Überforderung oder Anreiz zur Auseinandersetzung und Weiterbildung. Dank der Gentechnologie wurde die molekularbiologische Diagnostik auch im Bereiche des Östrogenstoffwechsels stark verbessert. Die unterschiedliche individuelle Reaktion auf die unzähligen Möglichkeiten der Östrogensubstitution sind dadurch teilweise erklärbar. Auch die Beurteilung aus dem Östrogensoffwechsel im Körper bezüglich des persönlichen Mammacarcinomrisikos über die anamnestischen Risiken hinaus ist deshalb präziser zu fassen. Die Schlagzeile „Östrogene verursachen Brustkrebs“ ist eben stark zu relativieren bzw. auch auf das persönliche Brustkrebsrisiko hinunterzubrechen. Eine Entscheidungshilfe dazu ist die Bestimmung von einigen Enzymen im Östrogenstoffwechsel. Diese Enzyme werden durch Gene induziert. Nun gibt es in diesen Genen auch Punktmutationen, d.h. es wird lediglich eine Aminosäure durch eine andere ersetzt und daraus entsteht ein anderes Enzym, das z.B. die Östrogene langsamer abbaut und somit zu längerer Verweildauer der Östrogene im Körper führt. In dieser Situation kann die zusätzliche Zufuhr von hochdosierten Östrogenen das Brustkrebsrisiko ansteigen lassen und die Dosierung sollte der veränderten Stoffwechselsituation nach unten angepasst werden oder überhaupt in Frage gestellt werden. Die Schlagzeile liest sich aber so, als ob alle Östrogengaben über kurz oder lang zu Brustkrebs führen. Neben diesen angedeuteten polymorphen Mutationen und den familiären, genetischbedingten Brustkrebsrisiken führen aber auch das Rauchen, der Alkohol, zu kalorienreiche Ernährung (versteckte Fette) mit vielen tierischen Eiweissen und wenig ungesättigten Fettsäuren und viele weitere Faktoren zu erhöhtem Brustkrebsrisiko.

Fazit

In der heutigen Zeit besteht die Tendenz, emotional zu argumentieren. Eine rationale Gegenargumentation hat es bekanntlich viel schwieriger, akzeptiert zu werden. Hierzu braucht es aber Wissen – und da kann uns der gesunde Menschenverstand zu Hilfe kommen.
Dr.med.E.Schmid, Zürich