Piero Schäfer: Piratinnen –
Das ruchlose Leben der Anna Zollinger

Piero Schäfer: Piratinnen

Formales:

Das Buch umfasst eine Zeitspanne vom 06. Juni 1495 bis 13. November 1527. Jedes der 33 Kapitel hat chronologisch ein exaktes Datum als Titel (ausser das erste mit dem zweitletzten Datum).

Alle vorkommenden Akteure sind in einem vollständigen Personenregister mit ihrer Funktion aufgeführt.

Echte historische Orte, Klöster, Personen, Strassen und Plätze oder geographische Bezeichnungen, Bräuche, Begriffe etc. sind im Text kursiv hervorgehoben und in einem Glossar erfasst oder erklärt.

 

Informelles:

Piero Schäfer (und später auch seine Gattin) habe ich an der Universität anfangs Studium kennen gelernt. Er schenkte mir auch ein Exemplar seiner juristischen Dissertation über eine Thematik des Arztgeheimnisses (ob das heute wohl noch Gültigkeit hat??). Wir haben in Intervallen immer wieder spannende Kontakte erlebt. Das ist natürlich eine Motivation, seinen Erstlingsroman zu lesen.

Ich wusste gar nicht, dass sich die damalige Zeit im Vergleich zu heute im übertragenen Sinn kaum geändert hat. Brechtsche Verfremdungseffekte gibt es in diesen extrem gruseligen Roman keine. Es wechseln beim Leser Emotionen, Entsetzen, Aerger, Ablehnung, Neugier und Lust nach mehr, Ungerechtigkeitsgefühle und es würde mich nicht erstaunen, wenn am Schluss trotz allem einzelne Tränen fliessen und vielleicht Verständnis und etwas Sympathie mit der Hauptfigur Anna Zollinger zusammen kämen.

Ich finde das leicht verständliche Buch temporeich, sprachlich und stilistisch sauber und sicher geschrieben.

Warum liest man denn das Buch fertig? Legen Sie einmal ein Buch beiseite, wenn häufig der letzte Satz am Kapitelende so etwa lautet:

  • diese Vorahnung sollte sich kurzfristig bestätigen …
  • den Frauen aber zu mindestens einen kleinen Vorsprung sichern …
  • bis sich seine Mutmassung in dramatischer Weise bestätigte …
  • hinterhältiger Verrat sorgte dafür, dass alles ans Tageslicht kam …
  • dass sie sich für das abscheuliche Verhalten einiger Klosterinsassen rächen würde …
  • Annäherung, die sich freilich bald als verhängnisvoll erweisen sollte …
  • trotzdem nahm der Aufenthalt im Kloster Rüti einen unerfreulichen Abschluss …
  • dass ihre Zusage ihm zuerst viel Freude, dann aber noch mehr Verdruss, Kummer und Aerger bescheren würde, wusste er an diesem glücklichen Tag im Sommer 1504 noch nicht …
  • dauerte keine 10 Jahre bis sich die Befürchtigungen des Pfarrers auf dramatische Weise bestätigen sollten …
  • so richtig auflehnen mochte er sich dennoch nicht. Noch nicht. …

Inhaltliches:

Anna Zollinger wächst zu Beginn des 16. Jahrhunderts als Tochter eines Seidenhändlers am Zürichsee auf. Sie ist rebellisch und unbeugsam. Ihre Steifmutter schickt sie ins Kloster Rüti. Dort erlebt Anna abenteuerliche Dinge und verliert ihren Glauben. Sie brennt mit einem deutschen Pilger durch, der aus Eifersucht einen Reisläufer erschlägt und fliehen muss. Anna trifft auf die attraktive Dirne Brida, mit der sie zusammenlebt und erste Diebeszüge unternimmt. Die beiden begegnen einer Fischerstochter, mit deren Boot sie auf dem Zürichsee Handelsschiffe überfallen. Eines Tages entern sie ein Boot ein zweites Mal, wobei es zu einem tödlichen Handgemenge kommt. Es sollte nicht das letzte gewesen sein.

2015, novum Verlag, ISBN 978-3-903067-01-1, total 290 Seiten, gut lesbar

Severin Schwendener: Schach & Matt

Severin Schwendener Schach&Matt

Mein bisheriges Highlight aller Kriminalromane war die Trilogie von Stieg Larsson (Verblendung (2006), Verdamnis (2007) und Vergebung (2008). Diese enthält praktisch das ganze globale Spektrum krimineller Energie – hochspannend, teils gruselig, teils (fast) unerträglich. Das vorliegende Buch des jungen Schweizerautors und promovierten Biologen aus dem Thurgau umfasst einen lokal - zürcherischen Rahmen krimineller und politischer Machenschaften. Der Lesegenuss steigert sich natürlich, wenn die Zürcher - Örtlichkeiten mit den damals vorhandenen Baustellen bekannt sind. Im berühmt - berüchtigten „FIFA“ Hotel Baur au Lac geschah 1992 ein Milieumord, dessen Spuren in der Zürcher - Society unaufgeklärt versandeten. Rund 20 Jahre später wird auf der Werdinsel in Höngg eine weitere tote Prostituierte mit einem ähnlichen Tatmuster aufgefunden. Wie diese zwei Morde komplex und vielschichtig vernetzt sind, ist hohe Schule, ja Meisterklasse. Auch wenn die ganze Geschichte bekannt ist, bricht die Spannung nicht ab und endet mit einem Coup, welcher nicht sofort einschlafen lässt!

Übrigens - nehmen Sie das Buch in die Hand und die erste Irritation beginnt schon.

2013, Edition 8, Postfach 3522, CH-8021 Zürich, ISBN 978-3-85990-182-7

Asta Scheib: Das Schönste, was ich sah

Asta Scheib: Das Schönste, was ich sah

Asta Scheib, im Rheinland geboren (1939), ist heute eine der bekanntesten deutschen Schriftstellerinnen und lebt in München. Der Roman befasst sich mit Giovanni Segantini (1858 – 1899), einer der berühmtesten Maler seiner Zeit. Der Titel ist meines Wissens ein Zitat von Nietzsche und betraf die Landschaft des Engadins. Das spezielle Licht machten Segantinis Bilder beliebt; kunsthistorisch wird er dem realistischen Symbolismus zugerechnet. Auch die Wiener Sezessionisten anerkannten ihn und eine späte innige Freundschaft verband ihn mit Giovanni Giacometti. Lesen Sie das feinfühlige, sehr aufwändig und gut recherchierte Buch nicht, wenn Sie:

  1. an Melancholie leiden oder weinerlich sind (historischer Liebesroman)
  2. der Ungeduld frönen und somit Langatmigkeit bzw. Details hassen
  3. sich ein anderes Leben als dasjenige unserer Zeit nicht vorstellen können
  4. weder an Literatur, Kunst oder Allgemeinbildung nicht interessiert sind.

Vereinfachung: Es gibt ein Hörbuch. Es gibt eine tolle Verfilmung (von Christian Labhart; Sprecher Bruno Ganz mit Texten von Segantini und Sprecherin Mona Petri mit Texten aus dem Roman; sinnlich akustische Verwöhnung mit dem Komponisten und Violinisten Paul Giger und dem Carmina Quartett; sinnlich visuelle Kamera-Exzellenz von Pio Corradi. Aktuell: Als Todesursache Segantinis galt bisher ein perforierter Blinddarm mit Peritonitis auf dem Schafberg mit Transportunfähigkeit. Stark diskutiert wird heute nach Messungen des Bleigehaltes von der EMPA an mehreren Stellen vom Malermantel Segantinis eine Bleivergiftung, welche eine gleichartige Symptomatik machen kann. Vielleicht wurde auch der Pinsel mit den damals bleihaltigen Farben mit dem Mund zu einem Spitz geformt. Eine Autopsie wurde nicht durchgeführt.

PS Segantini Museum St. Moritz nicht vergessen!

9. Auflage 2013, Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg, ISBN 978-3-423-21272-4

Paul Hoyningen-Hüne: SYSTEMATICITY The Nature of Science

Paul Hoyningen-Hüne: Systematicity of nature of science

Heutiges Wissen ist nicht mehr sicher wie es früher einmal der Fall war. Wissenschaft muss neu gedacht werden – weltweit – und muss alle vorkommenden Wissenschaften mit ihren Subdisziplinen treffen. Hoyningens These:
Wissenschaftliches Wissen zeichnet sich gegenüber allen anderen Wissensarten – insbesondere dem Alltagswissen – durch einen höheren Grad an Systematizität aus.
Um diese These zu unterlegen und zu begründen, braucht er neun Dimensionen:
Beschreibungen, Erklärungen, Voraussagen, Verteidigung von Wissensansprüchen, kritischer Diskurs, epistemische Vernetzung, Ideal der Vollständigkeit, Entstehung von Wissen, Abbildung von Wissen.
Hat man das alles verstanden, erkennt man die normativen Implikationen und die Abgrenzung gegenüber Pseudowissenschaft. Wenn Sie das Buch durchgearbeitet haben, ist der Blick auf Ihre Welt, Ihren Horizont komplett verändert. Sie haben den Focus auf Systematizität eingestellt. Es lohnt sich!

Professor Paul Hoyningen hat theoretische Physik an der ETH Zürich abgeschlossen und ist frisch emeritierter Ordinarius in Wissenschaftsphilosophie an der Leibniz – Universität in Hannover. Er ist ein weltweit gefragter Referent an Universitäten und in internationalen Gremien, ebenso in verschiedenen Wirtschaftsdisziplinen und Grossunternehmen.

1. Auflage 2013, Oxford University Press, ISBN 978-0-19-998505-0

John Brockman (Herausgeber): Worüber müssen wir nachdenken?

John Brockman (Herausgeber): Worüber müssen wir nachdenken?

Was die führenden Köpfe unserer Zeit umtreibt.

John Brockmann stellt führenden Wissenschaftlern aus verschiedensten Disziplinen die Frage: „Über welche Themen denken Sie nach oder sollte man nachdenken?“
Die 150 inspirierenden Antworten sind zwei bis fünf Seiten lang, zeigen eine beindruckende Bandbreite, bringen völlig neue Ideen und ich lernte viele mir unbekannte Begriffe und Überlegungen kennen. Das Buch kann man nicht an einem Stück lesen. Es ist vergleichbar mit einem Abriss – Tageskalender, wo auf der Hinterseite Informationen zu diesem Tag angeboten werden. Lesen Sie morgens vor dem Verlassen des Hauses jeweils ein bis zwei Statements – wo immer Sie lesen mögen – und diskutieren Sie mit Freunden und Bekannten das Gelesene am Arbeitsplatz, in den Pausen, über Mittag oder zu Hause.
Sollten Sie eine pessimistische Grundstimmung haben, so helfen die 150 „Sorgenartikel“ nicht zu einem Stimmungsumschwung. Das Gegenstück zu diesem Buch wäre: „Worüber müssen wir und freuen?“.
Trotz allem eine herausfordernde und lesenswerte Lektüre!

2014 (aus dem Amerikanischen übersetzt), S. Fischer Verlag, ISBN 978-3-596-03081-1